Kampf um die Macht
Im Jahr 1922
war Stalin durch Wahlen zum Generalsekretär
des Zentralkomitees (ZK) der KPdSU aufgestiegen. Lenin war mit Stalin
in späteren Jahren oft nicht einer Meinung, insbesondere fand er ihn
zu grob für die Position eines Generalsekretärs. Im Jahr 1922, schon
sehr schwer krank, schrieb er:
-
„Genosse
Stalin hat, nachdem er Generalsekretär geworden ist, eine
unermessliche Macht in seinen Händen konzentriert, und ich bin
nicht überzeugt, dass er es immer verstehen wird, von dieser
Macht vorsichtig Gebrauch zu machen.“
Bereits seit 1917 gab
es innerhalb des Zentralkomitees ein so genanntes Triumvirat,
welches sich aus Stalin, Kamenew und Sinowjew zusammensetzte. Stalin
war mit Kamenew zusammen in der Verbannung, Sinowjew stand diesen
beiden in vielen Auffassungen nahe und war mit ihnen befreundet. Kurz
nach der Oktoberrevolution hatte Lenin gegen Sinowjew und Kamenew ein
Parteiausschlussverfahren angestrengt, weil sie den geheimen Plan der
Bolschewiki zum gewaltsamen Umsturz an die provisorische bürgerliche
Regierung verraten hatten. Stalin hatte dafür gesorgt, dass der
Parteiausschluss nicht in die Tat umgesetzt wurde. Außerdem verband
alle drei eine gemeinsame Abneigung gegen Leo Trotzki, Stalins härtesten
Widersacher um die Machtübernahme nach Lenins Tod.
Am 16. Dezember 1922
verließ Lenin die Politik wegen einer schweren Krankheit. Kurze Zeit
später war Lenin zu jeglicher Arbeit unfähig bis an sein Lebensende.
Die Ärzte verboten ihm jede Art der Anstrengung, denn dies hätte
seinen Tod nur beschleunigt. Das Triumvirat setzte sich an die
Spitze der Macht innerhalb des Zentralkomitees und hielt gleichzeitig
dessen andere Mitglieder wie die Trotzkisten von der Macht fern. Dabei
produzierte sich Sinowjew vor allem als Redner, Kamenew führte den
Vorsitz der Sitzungen und Stalin konzentrierte sich auf die Arbeit mit
dem Apparat. Damit lag die Auswahl von Funktionären
für die zentralen und lokalen Posten in seinen Händen. Bereits zu
Lebzeiten wurde Kritik am Triumvirat laut. Lenin schrieb in
zwei Briefen an den Parteitag, dass sich die Genossen über
eine Ablöse Stalins Gedanken machen und nach einem Nachfolger suchen
sollten, der toleranter, loyaler und höflicher sei. Aus den gleichen
Briefen geht jedoch auch hervor, dass er im damaligen Politbüro
keinen anderen geeigneten Kandidaten sah. An Stalins politischer
Bilanz setzt Lenin jedoch nichts aus.
Auch andere Versuche,
zum Beispiel geheime Unterredungen von anderen ZK-Mitgliedern in Kislowodsk,
die zum Ziel hatten, Stalins Macht einzuschränken, scheiterten. Begründet
lag dies teils an Meinungsverschiedenheiten der Akteure, teils an
politischen Spielen Stalins und der Haltung der Parteimitglieder.
Nach dem Tod Lenins
wurden diese Briefe vor den Delegierten des XIII.
Parteitages verlesen, allerdings wurde dies von Sinowjew
erledigt, während Kamenew die Interpretation vornahm.
Rivale Trotzki
richtete ebenso Schreiben an das Zentralkomitee, indem er dem Triumvirat
vorwarf, ein Regime zu sein, das weiter von der Arbeiterdemokratie
entfernt war als das Regime des Kriegskommunismus während des Bürgerkrieges.
Er forderte die alte Garde auf, der noch unerfahrenen jüngeren
Generation Platz zu machen und sah das Triumvirat kurz vor der
Entartung. Nach innerparteilichen Meinungsverschiedenheiten dauerte es
mehrere Jahre bis Trotzki Ende 1927 aus der Partei ausgeschlossen
wurde. Trotzki wurde erst nach Kasachstan verbannt und dann aus der
Sowjetunion ausgewiesen.
Zur gleichen Zeit
zerfiel jedoch auch das Triumvirat, Kamenew und Sinowjew wurden
zu innerparteilichen Gegnern Stalins, welcher wiederum Unterstützung
bei Nikolai
Bucharin, Jan
Rudsutak, Michail
Wassiljewitsch Frunse und Felix
Dzierzynski fand. Kamenew und Sinowjew wurden 1926
aus der Macht gedrängt und etwa zehn Jahre später nach öffentlichen
Schauprozessen hingerichtet.
Ab 1927 war Stalin
somit uneingeschränkter Alleinherrscher in der Sowjetunion. Er war
das Haupt der kommunistischen Partei. Im staatlichen Bereich beschränkte
er sich lange Zeit auf das Amt eines stellvertretenden Ministerpräsidenten
der UdSSR.
Stalin vertrat die
These vom „Aufbau des Sozialismus in einem Land“,
also in der Sowjetunion selbst, ohne erst auf die Unterstützung durch
eine Weltrevolution
zu warten, wie dies Trotzkis Ansatz gewesen war.
Stalin trieb die Zwangskollektivierung
der Landwirtschaft unnachgiebig voran. Dabei brach er rücksichtslos
den Widerstand der Bauern, die er als „Kulaken“
diffamierte. Folge, aber auch durchaus erwünschtes Hilfsmittel der
Kollektivierung war eine riesige Hungersnot an der Wolga,
in der Ukraine und im ganzen Land. Sie kostete mehreren Millionen
Menschen das Leben, jedoch sind genaue Opferzahlen nicht bekannt.
Einzelne Schätzungen geben bis zu 10 Millionen Opfer an.
Die Ermordung von Sergej
Mironowitsch Kirow, der als Stalins „Gegenspieler“
galt, lieferte den Vorwand für die Politik der berüchtigten „Säuberungen“
(russisch „Tschistka“). 90 % derjenigen
Parteigenossen, die 1934
am „Parteitag der Sieger“ als Delegierte teilgenommen
hatten (und dort versuchten, Stalins Allmacht zu schmälern), wurden
in öffentlichen Schauprozessen
(Moskauer
Prozesse) zum Tode verurteilt, darunter auch der Großteil der
Funktionäre und Minister.
Stalin allein entschied, welche Minister und Funktionäre oder auch
ganze Städte seiner Meinung nicht hinter seiner Politik standen und
überließ Jeschow,
der während der Zeit der Großen
Säuberung der Chef der Geheimpolizei NKWD war, die Durchführung
seiner Instruktionen. Diese liefen meist darauf hinaus, das die
betreffenden Personen zumindest verhaftet und häufig erschossen
wurden. Die von der Geheimpolizei verwendeten Straftatbestände wegen
antisowjetischen Verhaltens, trotzkistischer
oder anderer Opposition gegen die KPdSU sowie einer Vielzahl anderer Verschwörungstheorien
waren allesamt Verstöße gegen den Paragraphen 58 des
Strafgesetzbuches der UDSSR, der die rechtliche Grundlage für die
Verfolgungen bildete. Zwischen dem September 1936
und dem Dezember 1938
wurden schätzungsweise etwa 1,5 Millionen Menschen umgebracht.
Umstritten bleibt in der Forschung, inwieweit die Verfolgungen von zum
Teil treuen Anhängern einen rationalen Kern hatten, oder ob man von
reinen Wahnvorstellungen
Stalins reden muß. Das Ergebnis der Säuberungen war, daß Stalin
nach 1938 wirklich die absolute Macht in der Sowjetunion innehatte.
Nach dem Ende der „Tschistka“ und der Ersetzung Jeschows
durch Lawrenti
Berija wurden willkürlichen Verhaftungen zwar nicht gestoppt, die
verhafteten Menschen wurden aber meist zu Haftzeiten in Straflagern
verurteilt, deren Dauer 10 und durch eine Gesetzesänderung im Jahr 1949
25 Jahre betrug.
Stalin umgab sich in
dieser Zeit mit einem immer größere Maße annehmenden Personenkult.
Dieser äußerte sich unter anderem in der Kunst (Lobpreisungs- und
Ergebenheitswerke in Literatur
und bildender
Kunst) und in einer allgegenwärtigen öffentlichen Präsenz, so
wurden in fast allen Sowjetrepubliken und Ostblockstaaten
einige Städte in Stalinstadt
umbenannt, daneben öffentliche Gebäude, Werke, Sportstätten und
anderes mehr.
Wichtige Mitarbeiter
Stalins waren der Volkskommissar für innere Angelegenheiten und
NKWD-Chef Lawrenti Berija, Trofim
Lyssenko und Michail
Kalinin.
1939
schloss er einen Nicht-Angriffspakt mit seinem Gegner Hitler,
den Hitler-Stalin-Pakt,
der auch ein Geheimabkommen zur Aufteilung Polens
und Osteuropas zwischen den beiden Staaten beinhaltete. Nach dem
deutschen Einmarsch in Polen marschierte auch die Sowjetunion am 17.
September 1939 in Polen, in die Staaten des Baltikums
und das östliche Rumänien
bis zur Donau
(Bessarabien)
ein, die im Hitler-Stalin-Pakt der Sowjetunion zugesprochen worden
waren. Dabei kam es zu Kriegsverbrechen, wie der Ermordung von 20.000
gefangenen polnischen Offizieren in Katyn.
Stalin war 1940
auch Sieger im Winterkrieg
gegen Finnland.
Während des „Großen
Vaterländischen Krieges“ (also des Zweiten Weltkriegs nach
russischer Bezeichnung), nachdem Hitler einen Überraschungsangriff
auf die Sowjetunion gestartet hatte, war Stalin auch Oberbefehlshaber
der Armee. Ihm gelang es durch Appelle an den Patriotismus und die
allgemeine Wut auf die deutsche Aggression große Teile der Bevölkerung
hinter die Partei und sich zu scharen.
Millionen von
Menschen, ganze Völker und Volksgruppen, wie die Krimtataren,
die Russlanddeutschen
oder die Tschetschenen
wurden in dieser Zeit als potentielle Kollaborateure
zur Zwangsarbeit in die unwirtlichen Permafrostgebiete
nach Sibirien deportiert, wo es unter den Deportierten große Verluste
an Menschenleben gab. Auch die Armenier
waren von diesen Deportationen betroffen. Die baltischen Staaten
verloren so etwa zehn Prozent ihrer Einwohner.
Stalin ließ das
System von Strafarbeitslagern, das unter dem Namen Gulag bekannt war
und bereits von Lenin eingerichtet worden war, ausbauen. Es umfaßte
Internierungs-, Arbeitslager oder „Besserungsanstalten“ für
politische Gefangene. Der Paragraph 58 des Strafgesetzbuches ermöglichte
es, den Begriff des politischen Gefangenen sehr weit auszudehnen: So
war zum Beispiel das Stehlen von Äpfeln aus einem Kolchosgarten
konterrevolutionäre Sabotage. Die genauen Zahlen über die Anzahl der
Gefangenen und der Todesopfer des Lagersystems sind seit Öffnung der
russischen Archive Gegenstand historischer Forschung und äußerst
umstritten: So schwankt die geschätzte Zahl der Gefangenen zwischen
3,7 und 28,7 Millionen. Mit ca. 20 bis 40 Millionen Todesopfern zählt
Stalin zusammen mit Mao
und Adolf Hitler zu den drei größten Massenmördern des zwanzigsten
Jahrhunderts.
1949 bis 1951
kam es erneut zu „Säuberungen“. Auch Geistliche, Angehörige
nichtrussischer Völker und vermeintliche politische Gegner (Kosmopoliten,
Westler,
Juden)
wurden zahlreich inhaftiert und mitunter der Folter
ausgesetzt, wobei viele Unschuldige sich des Vorwurfs von Spionage
oder „konterrevolutionärer Tätigkeit“ ausgesetzt sahen.
Die Verhöre
in der Stalinzeit – und auch noch danach – waren geprägt
von demütigenden Durchsuchungen, Schlafentzug,
Prügel, Hunger,
Durst
und Einschüchterung. Einen Bericht darüber – und über die
Zustände in den Straflagern – gab der Dichter Solschenizyn
in seinem Buch „Der
Archipel Gulag“.
Auf der Konferenz
von Teheran 1943
und der Konferenz
von Jalta 1945,
an denen Stalin teilnahm, wurden auch die Grenzen
in Europa
nach dem Zweiten Weltkrieg neu gezogen. Dies resultierte in der Vertreibung
von mehreren Millionen Menschen in der östlichen Hälfte Europas.
Tod Stalins und
Verurteilung des Stalinismus
Am Abend des 1.
März 1953, nahm Stalin ein nächtliches Essen mit Lawrenti Berija,
Georgi
Malenkow, Nikolai
Bulganin und Nikita
Chruschtschow ein. Stalin befand sich in aufgekratzter Stimmung,
vermutlich weil er angetrunken war. In dieser Nacht brach Stalin
zusammen. Er starb vier Tage später, am 5. März 1953, im Alter von
73 Jahren, an den Folgen seines Schlaganfalls.
Der Tag seines
Zusammenbruchs war in diesem Jahr Datum des Jüdischen Purimfestes,
in dem Juden in aller Welt der Vereitelung eines geplanten
Massenmordes gedenken. Stalin hatte in den Monaten zuvor aus Angst vor
Spionen des Westens einen solchen Massenmord an Juden geplant.
In dem bei seiner
Bestattung am 9.
März 1953 auftretenden Gedränge sind Tausende von Menschen
umgekommen.
Laut den Memoiren von
Wjatscheslaw
Molotow, die 1993
veröffentlicht wurden, hat Berija ihm gegenüber behauptet, dass er
Stalin vergiftet habe.
1956
distanzierte sich Nikita Chruschtschow auf dem XX.
Parteitag der KPdSU im Namen der Sowjetunion in der so genannten Geheimrede
offiziell von Stalin. Bezeichnenderweise kritisierte er nur diejenigen
Verbrechen, die Stalin an anderen Kommunisten verübt hatte, wie etwa
den Mord an Kirow, und nicht etwa das diktatoriale System als solches.
Der Prozess der Entstalinisierung
folgte dann auch in allen anderen Ostblockstaaten.
Zitate
„Was wäre
die Folge, wenn es dem Kapital gelänge, die Republik der Sowjets zu
zerschlagen? – Eine Epoche der schwärzesten Reaktion würde über
alle kapitalistischen und kolonialen Länder hereinbrechen, man würde
die Arbeiterklasse und die unterdrückten Völker vollends knebeln,
die Positionen des internationalen Kommunismus würden liquidiert!“
(J.W. Stalin: Rede am 7.Dezember 1926 auf dem VII. erweiterten Plenum
des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale. Werke Bd. 9,
S.29)
Das Zitat ist
dahingehend beispielhaft, da es den allgemeinen Redestil Stalins sehr
gut veranschaulicht. Er stellte während seiner Ansprachen sehr häufig
Fragen, die er sogleich selbst beantwortete.
„Bei Stalin
war jedes Verbrechen möglich, denn es gibt kein einziges Verbrechen,
das er nicht begangen hätte. Mit welchem Maß wir ihn auch messen
wollen, ihm wird jedenfalls… der Ruhm zufallen, der größte
Verbrecher der Geschichte zu sein…“
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