Josef Stalin
- Seit 1922 war er Generalsekretär des Zentralkomitees
der Kommunistischen
Partei der Sowjetunion (KPdSU), seit 1941 Vorsitzender des Rates
der Volkskommissare, seit 1946 Ministerrat und in den Jahren
1941 bis 45 Oberster Befehlshaber der Roten
Armee. Nachdem er sich im Machtkampf innerhalb der KPdSU
durchgesetzt hatte, war er von 1927
bis 1953 de facto Diktator
der Sowjetunion.
Während seiner Regierungszeit wurden vermeintliche und tatsächliche
politische Gegner sowie Millionen von Sowjetbürgern und ganze
Volksgruppen besetzer Gebiete in Gulag-Strafarbeitslager
deportiert und zu großen Teilen ermordet. Die durch ihn
vorangetriebene Kollektivierung
der Landwirtschaft trug insbesondere in der Ukraine
und an der Wolga zu Hungersnöten
mit etwa zehn Millionen Opfern bei. Als wichtiger Partner der
Alliierten hatte er einen entscheidenden Einfluss auf den Verlauf
des Zweiten
Weltkrieges sowie auf die Nachkriegsgestaltung
Deutschlands.
Jugendzeit und
Verbannung
Jossif
Dschugaschwili wurde als Sohn des ehemals leibeigenen georgischen
Schuhmachers Bessarion Dschugaschwili in Gori geboren. Seine Mutter
Jekaterina Geladse war Ossetin
und Tochter eines Leibeigenen.
Somit war Stalin einer der wenigen Parteiführer der später
entstandenen KPdSU mit einfacher Herkunft. Die Geschwister Stalins
starben jung, sodass er als Einzelkind aufwuchs. Sein Vater eröffnete
nach seiner Befreiung ein Schuhgeschäft, das aber rasch bankrott
ging. Danach war er gezwungen in einer Schuhfabrik in Tiflis
zu arbeiten. Stalins Vater kümmerte sich kaum um seine Familie, war
trunksüchtig und schlug Frau und Kinder. Einer der Freunde aus
Stalins Jugendzeit schrieb später: „Diese unverdienten und
schrecklichen Prügel machten den Jungen genauso hart und gefühllos
wie seinen Vater.“ Derselbe Freund schrieb auch, dass er
Stalin niemals hatte weinen sehen. Ein anderer Jugendfreund Stalins,
Josef
Iremaschwili, schrieb, dass diese Prügel auch einen Hass auf
Autoritäten in Stalin hervorriefen, da jeder Mensch, der mehr Macht
als er selbst hatte, ihn an seinen Vater erinnerte. 1888
ging Stalins Vater nach Tiflis und ließ seine Familie zurück.
Einer der Kunden
seiner Mutter, der jüdische Kaufmann David Papismedow, gab dem
jungen Stalin, der damals den Spitznamen „Soso“ hatte
und seiner Mutter beim Wäschewaschen und bei der Arbeit als
Putzfrau half, Geld und Bücher und munterte ihn auf. Jahrzehnte später
kam der alte Papismedow in den Kreml,
um zu erfahren, was aus dem kleinen Soso geworden war. Stalin überraschte
seine Genossen dadurch, dass er den älteren jüdischen Mann nicht
nur empfing, sondern auch in aller Öffentlichkeit mit ihm plauderte.
Ab 1887
ging Josef Dschugaschwili in Gori zur Schule. Stalins Klasse war
eine sehr gemischte Gruppe von Schülern, die viele verschiedene
Sprachen sprachen. In der Schule war jedoch Russisch als Sprache
vorgeschrieben. Seine Mitschüler waren meist sozial bessergestellt
als er selbst und machten sich anfangs über seine abgetragene
Schuluniform und sein pockennarbiges Gesicht lustig. Josef
Dschugaschwili konnte jedoch bald auf Grund seiner Beobachtungsgabe
die Führungsrolle in seiner Klasse übernehmen. Obwohl Stalin später
seine georgische Herkunft sehr in den Hintergrund stellte, mochte er
in seiner Jugend die georgischen Heimaterzählungen sehr. Eine
dieser Erzählungen handelte von dem Bergwanderer Koba, der für die
Unabhängigkeit Georgiens gekämpft hatte. Stalin bewunderte ihn
sehr und ließ sich von nun an in der Klasse Koba nennen. Um seine
niedere Herkunft zu verbergen, versuchte Stalin der Beste zu sein in
allem, was er tat. Deshalb fiel er durch seine wache Intelligenz auf,
wodurch er die Schule 1894 als bester Schüler verließ und für den
Besuch des orthodoxen Tifliser Priesterseminars,
der damals bedeutendsten höheren Bildungsanstalt Georgiens und ein
Zentrum der Opposition gegen den Zarismus,
vorgeschlagen wurde.
Als Stalin im Alter
von 15 Jahren das zweite Studienjahr des Seminars absolvierte, bekam
er Kontakt mit den geheimen marxistischen
Zirkeln. Er besuchte die Buchhandlung eines gewissen Schelidze, wo
die jungen Radikalen Zugang zu linken Werken hatten. 1897 schrieb
der stellvertretende Aufseher eine Bemerkung: Er habe Dschugaschwili
beim Lesen von Letourneaus „Die literarische Entwicklung der
Nationen“ erwischt. Er habe ihn kürzlich schon mit „Die
Arbeiter des Meeres“ sowie dem Werk Victor
Hugos „1793“ ertappt, insgesamt dreizehnmal mit
verbotenen Büchern.
1897 wurde
Dschugaschwili, er war 18 Jahre alt, in die erste sozialistische
Organisation Georgiens aufgenommen, die Messame-Dassi-Gruppe
(dt. Die dritte Gruppe), geführt von Noe
Schordania, Nikolai
Semjonowitsch Tschcheidse und G. Zereteli, die später Menschewiki
wurden. Im folgenden Jahr leitete Stalin einen Studienzirkel für
Arbeiter. Zu dieser Zeit las er schon Werke von Plechanow
und die ersten Schriften Lenins.
1898
trat er offiziell in die sozialdemokratische
Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) ein. 1899
wurde er aus dem Priesterseminar ausgeschlossen, weil er auf Grund
dieser politischen Tätigkeiten bei mehreren wichtigen Prüfungen
gefehlt hatte. Statt Priester wurde Stalin Berufsrevolutionär.
Daraufhin arbeitete
Stalin als Propagandist der SDAPR und organisierte unter dem
Decknamen „Koba“ unter anderem Streiks und
Demonstrationen unter den Eisenbahnarbeitern. 1902
wurde er erstmals festgenommen, weil er eine Arbeiterdemonstration
in der georgischen Stadt Batumi
verursacht hatte und anschließend nach Sibirien
verbannt. Nachdem er 1904
aus der Verbannung fliehen konnte, wurde er immer wieder –
insgesamt achtmal – verhaftet und in die Verbannung geschickt,
konnte aber jedesmal wieder fliehen.
Um in Kontakt mit
Lenin zu bleiben und sich der Verfolgung durch die zaristische
Polizei zu entziehen, floh er im Dezember 1912
nach Österreich-Ungarn.
Dort verbrachte er einige Monate in Krakau
und in Wien.
Als er im Sommer 1913
wieder nach Russland zurückkehrte, wurde er verhaftet. Daraufhin
verbrachte er die Jahre von 1913 bis 1917
in der Verbannung. Für diese häufigen Verhaftungen und Fluchten
gibt es mehrere Erklärungen.
Ein möglicher
Grund wird zum Beispiel in der schlechten Organisation der
zaristischen Polizei gesehen. Der zaristische Polizeiapparat
verfolgte die Revolutionäre nur sehr halbherzig. Die aus der
Verbannung „fliehenden“ Bolschewiki konnten zum Beispiel
ohne Probleme alle zur Verfügung stehenden Transportmittel nutzen.
Außerdem bekamen sie von der Bevölkerung Unterstützung in Form
von Nahrungsmitteln und sonstigen Zuwendungen. Wurden die Revolutionäre
verhaftet, ließen sie sich einfach ohne weiteren Widerstand in die
Verbannung schicken, um am Tag nach ihrer Ankunft sofort die
Heimreise anzutreten. Wenn es längere Aufenthalte gab, hatte das
die Ursache, dass den Verbannten eine kostenlose Wohnung und ein
nicht geringes Kostgeld zur Verfügung stand, die beide dazu
geeignet waren, temporäre finanzielle Engpässe der Revolutionäre
zu überbrücken. Als eine weitere Erklärung für sein schnelles
Freikommen werden ihm Kontakte zur zaristischen Geheimpolizei
nachgesagt.
Im Falle von
Stalins letztem Verbannungsaufenthalt war auch der Ausbruch des Ersten
Weltkrieges eine Ursache für sein Verbleiben. Er fürchtete,
nach seiner nächsten Verhaftung in die Russische Armee eingezogen
zu werden.
Nach der auf dem
Parteitag in London
1903
erfolgten Spaltung der SDAPR in Menschewiki und Bolschewiki
schloss Stalin sich dem Flügel unter Lenin an, der die Meinung
vertrat, dass der politische Umsturz in Russland nur durch eine von
„professionellen“ Revolutionären zentral geführte
Partei zustandekommen würde. Im Jahr 1905
begegnete er auf der allrussischen Konferenz der Bolschewiki in Tammerfors
zum ersten Mal Lenin persönlich. In dieser vorrevolutionären Zeit,
in der Stalin schon viele Streiks organisiert hatte, zeigte er sich
nicht als großer Theoretiker, sondern vertrat einen pragmatischen
Politikstil.
So beteiligte er
sich in den folgenden Jahren an der Organisation verschiedener Banküberfälle,
um die Parteikasse aufzufüllen. Der bekannteste Überfall ereignete
sich 1907
an der Reichsbankfiliale in Tiflis. Es wurden 250000 Rubel erbeutet.
Ab 1912 gehörte er dann nach dem Willen Lenins zu dem
Zentralkomitee der Bolschewiki und nahm den Namen Stalin (der Stählerne)
als Pseudonym
an.
Während seines
letzten Verbannungsaufenthaltes lernte er Lew
Kamenew kennen und freundete sich mit ihm an. Um die Jahreswende
von 1916/1917
verließ er gemeinsam mit Kamenew seinen Verbannungsort. Er wurde
von einer Einberufungskommission als wehrdienstuntauglich
freigestellt. Nach der Februarrevolution
1917 ging er nach Sankt
Petersburg (seit 1914: Petrograd). Er gehörte nun zur Redaktion
der Zeitung Prawda.
In Sankt Petersburg stieß Grigori
Jewsejewitsch Sinowjew zu Stalin und Kamenew. Diese später als
„Triumvirat“
bezeichnete Gruppe sollte in der Folgezeit eine bedeutende Rolle in
der sowjetischen Politik spielen.
Privatleben
Seine erste Frau Jekaterina
Swanidse, die er 1904 geheiratet hatte, starb im Jahre 1907 an Typhus.
Dies war für ihn ein Schock, auf den er in späterer Zeit nur
selten zu sprechen kam. 1917 heiratete er Nadjeschda
Allilujewa. Der menschliche Kontakt zwischen den beiden zerfiel
jedoch Anfang der 1930er Jahre aufgrund der tatsächlichen Zustände
in der Sowjetunion. Nadjeschda Allilujewa beging schließlich 1932
Selbstmord, indem sie sich erschoß. Als sein Sohn Jakub (genannt
Jascha) 1941
in deutsche Kriegsgefangenschaft
geriet, hat Stalin ihn nicht gegenüber anderen sowjetischen
Kriegsgefangenen bevorzugt. Sein Kommentar zu dem von den Deutschen
angebotenen Austausch gegen einen beliebigen deutschen Gefangenen
war: „Soll ich mich auf den Handel einlassen? Nein –
Krieg ist Krieg“. Er meinte damit, dass dieser Austausch
im Hinblick auf die anderen Soldaten der Roten Armee nicht richtig
sei, da das sowjetische Soldatengesetz besagte, dass der russische
Soldat sich nicht ergeben dürfe. Diejenigen russischen
Kriegsgefangenen, die von der Roten Armee später befreit wurden,
wurden sofort durch den Smersch
und das NKWD
verhaftet. Sie hatten mit einer Strafe von 10 Jahren Zwangsarbeit zu
rechnen, da sie gegen das sowjetische Soldatengesetz verstoßen
hatten. Jascha Stalin kam 1943 bei einem Fluchtversuch zu Tode.
Seine Tochter Swetlana
(* 1926) wanderte in den 60er Jahren in die USA aus.
Revolution und Bürgerkrieg
Im Juni 1917 wurde
Stalin auf dem ersten Allrussischen
Sowjetkongress zum Mitglied des Zentralexekutivkomitees
(ZEK) gewählt. Er verfolgte neben anderen Bolschewiki zunächst
eine Politik der Zusammenarbeit mit der provisorischen Regierung
unter Kerenski.
Als Lenin aus dem Exil zurückkehrte und die Unterstützung
Kerenskis als Verrat an den Bolschewiki brandmarkte, änderte Stalin
seinen Kurs und unterstützte Lenin. Er verteidigte Lenins Ideen auf
den großen Debatten der Bolschewiki im September und Oktober. Er
hatte jedoch sehr wenig mit der Vorbereitung und Durchführung der Oktoberrevolution
zu tun. Die zentrale Rolle bei dem Umsturz kam Leo
Trotzki als Chef des Militärischen Komitees des Petrograder
Sowjets zu.
In der am 7.
November installierten provisorischen ersten Sowjetregierung
erhielt er zum Dank für seine Loyalität den Posten des Kommissars
für Nationalitätenfragen. Stalin wollte in dieser Position eine
freiwillige und ehrenvolle Allianz zwischen Russland und allen
Minderheiten des Landes schaffen. Diese Allianz war jedoch
dahingehend eingeschränkt, dass ihre Mitglieder sozialistisch zu
sein hatten.
Doch es kam anders.
Zunächst waren die sowjetische Zentralregierung und die neu
geschaffene Rote Armee sehr schwach. Sie kontrollierten im Sommer
1918 ein Gebiet, das die Größe des alten russischen Großfürstentums
hatte. Viele der Nationalitäten im zaristischen Russland sahen nun
die Möglichkeit, sich selbstständig zu machen und erklärten ihre
Unabhängigkeit, ohne die Sowjetregierung zu konsultieren. Das
bekannteste Beispiel dafür ist die Ukraine, die in Kiew
mit der Rada
ihr eigenes Parlament schuf und sich unabhängig erklärte. Die
einzigen Minderheitengebiete, die sich der sowjetischen Allianz
anschlossen, waren Tatarstan
und Baschkortostan.
Die tatsächliche Aufgabe Stalins bestand in den nächsten Jahren
darin, die verlorengegangenen Gebiete wieder in die Sowjetunion
einzugliedern. Nachdem sich diese Situation abgezeichnet hatte, änderte
er seine Haltung gegenüber den Minderheiten und beschloss jedes
Mittel einzusetzen, um die Unabhängigkeit dieser Staaten rückgängig
zu machen.
Nach dem Ausbruch
des Bürgerkrieges im Juni 1918
wurde Stalin ein Befehlshaber in der von Trotzki neu geschaffenen
Roten Armee. Er wurde im Juli als Kommandeur der Südfront nach Zarizyn
geschickt, um dort das einzige bedeutende Getreideanbaugebiet, das
in den Händen der Sowjetregierung lag, zu sichern. Er verließ sich
dabei auf die Hilfe des ehemaligen zaristischen Generals Sytin,
der von Trotzki zum Kommandant der Südfront berufen worden war. Mit
Sytin geriet er jedoch bald in eine Auseinandersetzung, da er
Offiziere der Roten Armee erschießen ließ, die bereits vorher in
der Armee des Zaren Offiziere gewesen waren. Es gelang aber dennoch,
die Stadt gegen die Truppen des Generals Krasnow zu verteidigen.
Zarizyn wurde 1925 deshalb in Stalingrad (‚Stalinstadt‘,
das heutige Wolgograd)
umbenannt.
Im März 1919
wurde Stalin ein Mitglied des neuen Inneren Direktoriums der
Sowjetregierung. Hier hatte er den ersten heftigen Zusammenstoß mit
seinem Hauptrivalen Trotzki. Trotzki gliederte ehemalige Offiziere
des zaristischen Heeres wieder in die von ihm geschaffene Rote Armee
ein, um die Organisation dieser Truppe zu straffen und sie somit
kampfkräftig werden zu lassen. Stalin wehrte sich strikt gegen
dieses Vorgehen (insbesondere wegen General Sytin), war aber
angesichts der militärischen Erfolge Trotzkis zum Schweigen
verurteilt.
Als Kommandeur der
Südfront konzentrierte Stalin nach der erfolgreichen Verteidigung
von Zarizyn sein Bemühen auf die Eingliederung der kaukasischen Völker
in die Sowjetunion. Im Februar 1920 wurden die nordkaukasischen Völker
wieder an die Sowjetunion angegliedert. Dieses geschah zunächst auf
freiwilliger Basis, da die Nordkaukasier zunächst gegen den
konterrevolutionären weißen General Denikin
revoltiert hatten. Die Tschetschenen
erhoben sich aber im August des Jahres wieder gegen die Sowjetmacht
und Stalin war bestrebt, die Stabilität der Sowjetherrschaft wieder
herzustellen. Den Bergvölkern versprach Stalin dabei folgendes:
-
„Jedes
Volk – die Tschetschenen, die Inguschen,
die Osseten, die Kabardiner,
die Balkaren,
[...] muss seinen eigenen Sowjet haben. [...] Sollte der Beweis
erbracht werden, dass das Scharia
notwendig ist, so mag es das Scharia geben. [...] Sollte der
Beweis erbracht werden, das die Organe der Tscheka [...] es
nicht verstehen, sich der Lebensweise und den Besonderheiten der
Bevölkerung anzupassen, dann ist klar, dass auch auf diesem
Gebiet entsprechende Änderungen vorgenommen werden müssen.“
-
(Kongress der Völker
des Terekgebiets am 17. November 1920)
Gegen Ende des
Jahres 1920 befand sich der gesamte Kaukasus mit Ausnahme von
Georgien im Territorium der Sowjetunion. Mit Hilfe von Grigol
Ordschonikidse, einem Parteifreund aus seiner frühen
Parteikarriere, organisierte Stalin die Rückeroberung Georgiens,
die im Februar 1921 abgeschlossen war.
