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Adolf Hitler (* 20.
April 1889
in Braunau
am Inn; † 30.
April 1945
in Berlin
durch Suizid)
war ab 1921 Parteichef
der NSDAP,
ab 1933 Reichskanzler
und ab 1934
als „Führer
und Reichskanzler“ zugleich Regierungschef
und Staatsoberhaupt
des Deutschen
Reiches.
Er errichtete in Deutschland
die nationalsozialistische
Diktatur
des „Dritten
Reiches“, ließ alle Oppositionsparteien
verbieten und politische Gegner verfolgen. Er entfesselte den Zweiten
Weltkrieg und betrieb die systematische Entrechtung
und Ermordung
von ungefähr sechs Millionen europäischer Juden
sowie anderer ethnischer, religiöser und politischer Gruppen im Holocaust.
Biographie
Fast alle Biographen
Hitlers weisen auf die enorme Diskrepanz zwischen dessen erster und
zweiter Lebenshälfte hin. Bis zu seinem 30. Lebensjahr war er, gemessen
an den bürgerlichen Maßstäben seiner Zeit, eine gescheiterte Existenz
– ohne Berufsausbildung, ohne nennenswerte Bindungen, nach dem
verlorenen Weltkrieg auch als Soldat ohne Perspektive und vor allem ohne
erkennbare Eigenschaften, die seinen anschließenden Aufstieg plausibel
erklären könnten. Dennoch schwang sich dieser Mann innerhalb weniger
Jahre zum Deutschen Reichskanzler und schließlich zum diktatorischen
Herrscher über weite Teile Europas auf. Er entfaltete eine zerstörerische
Wirkung wie nur wenige vor oder nach ihm.
Die Frage nach dieser
Diskrepanz berührt das zentrale Problem, das sich zu der historischen
Person Hitler stellt: Wie konnte ein Mensch mit seinen Eigenschaften und
seinem Vorleben eine solche Wirkung erzielen?
Die frühen Jahre
Um seine Herkunft und
sein Leben vor dem Eintritt in die Politik machte Hitler stets ein
Geheimnis. „Sie dürfen nicht wissen,“ sagte er 1930
über seine politischen Gegner, „woher ich komme und aus welcher
Familie ich stamme.“ (Zitat nach
Krockow). Döllersheim und Strones, die Heimatdörfer seiner Eltern
und Großeltern im österreichischen
Waldviertel,
ließ er im Sommer 1938,
gleich nach dem Anschluss
Österreichs evakuieren und zerstören, um einen Truppenübungsplatz
anzulegen (Allentsteig).
Krockow, Kershaw und andere Biographen Hitlers vermuten, dass die Gründe
dafür in dessen ungeklärter und von Inzest
nicht freier Herkunft zu suchen sind. Hitlers eigene Angaben in „Mein
Kampf“ zu seinen frühen Jahren dienten vor allem der
Selbststilisierung und sind daher wenig vertrauenswürdig.
Herkunft
Hitlers Familie stammte
aus dem österreichischen Waldviertel
an der Grenze zu Böhmen. Die Schreibweise ihres Namens, dessen Herkunft
nicht geklärt ist, schwankte noch im 19. Jahrhundert zwischen Hüttler,
Hiedler und Hitler.
Der spätere Diktator
wurde 1889 in der oberösterreichischen
Grenzstadt Braunau am Inn als viertes von sechs Kindern des Zollbeamten Alois
Hitler und seiner dritten Frau – und angeheirateten Nichte
– Klara
(geb. Pölzl) geboren. Von ihren sechs Kindern erreichten nur Adolf und
seine Schwester Paula
das Erwachsenenalter. Alois Hitler hatte zudem noch einen unehelichen Sohn
und eine Tochter, Alois junior und Angela,
von seiner zweiten Frau.
In „Mein Kampf“
schildert Hitler den Vater als jähzornigen Tyrannen. Tatsächlich weist
aber nichts darauf hin, dass Alois Hitler seinen Sohn strenger erzogen hätte
als damals üblich. Was Hitler dem Vater zeitlebens zugute hielt, war die
Tatsache, dass der uneheliche Sohn der Bauernmagd Anna Maria Schicklgruber
1876 im Alter
von 40 Jahren seinen Nachnamen in Hitler hatte ändern lassen. Dies
geschah allerdings erst Jahre nach dem Tod von Alois' Mutter und seines
vorgeblichen Vaters, des Müllergesellen Johann Georg Hiedler. Dessen
Bruder Nepomuk hatte bei einem Notar eine eidesstattliche Erklärung
abgegeben, nach welcher Johann Georg, der spätere Ehemann von Anna
Schicklgruber, Alois' Vater gewesen sei. Dieser selbst hat die Vaterschaft
an seinem Stiefsohn zu Lebzeiten nie anerkannt.
Hitler wusste also nicht
mit letzter Sicherheit, wer sein Großvater war. Dieser Umstand musste für
den Propagandisten einer rassistischen Ideologie politisch brisant werden,
als er seit Anfang der 1920er Jahre zunehmend bekannter wurde. Politische
Gegner haben schon damals immer wieder nachzuweisen versucht, dass der Führer
der antisemitischen
und extrem nationalistischen
NSDAP selbst jüdische oder tschechische Vorfahren hatte. Dies ist nach
neuestem Kenntnisstand zwar unwahrscheinlich, und entsprechende Gerüchte
konnten auch nie belegt werden. Für Hitler waren sie aber dennoch Grund
genug, seine Herkunft möglichst zu verschleiern.
Kindheit
Wegen seines Berufs zog
Alois Hitler mit seiner Familie häufig um: von Braunau zunächst nach Passau,
später nach Lambach
und schließlich nach Leonding
bei Linz. Auf
den verschiedenen Volksschulen,
die Adolf Hitler besuchte, war er ein guter Schüler, auf der Realschule
in Linz versagte er dagegen völlig. Bereits das erste Jahr dort, (1900/01),
musste er wiederholen, und seine Lehrer bescheinigten ihm „mangelnde
Arbeitslust“.
Hitler stellte dies später
als Folge einer Art von Lernstreik gegen den Vater dar, der ihn in eine
Beamtenlaufbahn habe drängen wollen, während er selbst den Beruf des
Kunstmalers anstrebte. An dieser Darstellung ist insofern etwas Wahres,
als Hitler sich zeitlebens als verkannter Künstler sah, regelmäßige
Arbeit scheute, und Egozentrik zu seinen hervorstechendsten Eigenschaften
gehörte. Gegen den „Lernstreik“ spricht jedoch, dass Hitlers
Vater schon am 3.
Januar 1903
im Alter von 65 Jahren starb. Der Erziehungsdruck auf den 13-jährigen ließ
also nach, ohne dass aber seine Leistungen deshalb besser wurden.
Sechzehnjährig verließ Hitler die Schule ohne Abschluss. Mehr als eine
aus verschiedenen Quellen wahllos angelesene Halbbildung
hat er in seinem Leben nie erworben.
Jahre in Wien und München
Von 1905
an konnte Hitler dank einer Halbwaisen-Rente und der Unterstützung durch
seine Mutter eine ungebundene Bohème-Existenz
führen. Nachdem er 1907
und 1908
wegen mangelnder Begabung von der Wiener Kunstakademie abgelehnt worden
war, machte er keine Anstalten mehr, einen Beruf oder auch nur eine
Berufsausbildung in Angriff zu nehmen. Am 21.
Dezember 1907 starb seine Mutter Klara an Brustkrebs. Anders als die rührseligen
Schilderungen seiner Jugendzeit in „Mein Kampf“ suggerieren,
konnte Hitler von seiner Waisenrente anfangs relativ gut leben. Sein
Einkommen, zusätzlich aufgebessert durch den Verkauf selbst gemalter
Bilder und Postkarten, lag über dem Anfangsgehalt eines Lehrers.
1909,
im Alter von 20 Jahren, zog Hitler nach Wien.
Dort kam er mit den pseudowissenschaftlichen
und neureligiösen Schriften des Rasseideologen und Antisemiten Jörg
Lanz von Liebenfels in Kontakt. Auch die antisemitischen Polemiken
von Politikern wie dem „Führer“ der Alldeutschen
Bewegung Georg
Ritter von Schönerer und dem Wiener Bürgermeister Dr. Karl
Lueger nahm er auf. Seine Vorstellung von einer überlegenen arischen
'Herrenrasse' dürfte sich damals gebildet haben, seine Vorbilder ließ er
aber stets unerwähnt. Mehr als für Politik hat sich Hitler nach Aussagen
seines damaligen Freundes August
Kubizek für Opern
interessiert, insbesondere für die Richard
Wagners.
Nach der zweiten
Ablehnung durch die Kunstakademie ging Hitler allmählich das Geld aus. Er
landete 1909 im Obdachlosenasyl
und Anfang 1910
im Männerheim in der Meldemannstraße.
Als Maler von Sehenswürdigkeiten Wiens fand er ein bescheidenes Auskommen.
Da er selbst eher kontaktscheu war, übernahm ein Mitbewohner, Reinhold
Hanisch, den Verkauf seiner Bilder. Nachdem er sich bei einem Geschäft
von Hanisch betrogen fühlte, übertrug er den Verkauf einem jüdischen
Mitbewohner. Es ist daher fraglich, ob Hitlers Antisemitismus damals
bereits so ausgeprägt war, wie er später in Mein Kampf behauptete.
Reinhold Hanisch, der später ein Buch über Hitlers frühe Jahre schrieb,
wurde knapp 30 Jahre später im Konzentrationslager
Buchenwald ermordet.
Nachdem Hitler im Mai 1913
das Erbe des Vaters ausgezahlt worden war, zog er von Wien nach München
um. In „Mein Kampf“ schrieb er später, er habe sich nach
einer „deutschen Stadt“ gesehnt. Hier entdeckte er sein
Interesse für Architektur und las die Schriften des rassistischen
Schriftstellers Houston
Stewart Chamberlain. Der Umzug hatte auch den Zweck, dem Militärdienst
zu entgehen. Wenn es stimmt, dass dabei seine deutschnationale
Gesinnung und eine Abneigung gegen den österreich-ungarischen
Vielvölkerstaat eine Rolle spielten, wäre dies eine erste erkennbare
politische Entscheidung gewesen. Dass Hitler nicht prinzipiell dem
Kriegsdienst aus dem Weg gehen wollte, zeigte sich 1914:
Als der 1.
Weltkrieg ausbrach, meldete er sich umgehend als Kriegsfreiwilliger.
Im Ersten Weltkrieg
Als Gefreiter des 16.
Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiments „List“ verbrachte
Hitler fast die gesamte Kriegszeit als Meldegänger an der Westfront. Er
trat am 16.
August 1914 als Freiwilliger in die Armee ein, wurde im Dezember
desselben Jahres mit dem Eisernen
Kreuz zweiter Klasse ausgezeichnet. In Nordfrankreich wurde Hitler im
Oktober 1916
am Bein verwundet. Erst Anfang März 1917
kam er wieder an die Front. 1918
wurde er mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse ausgezeichnet.
Hitler galt als korrekter
Soldat, der aber bei seinen Kameraden wegen seiner unkritischen Haltung
gegenüber den Offizieren eher unbeliebt war. „Den Vorgesetzten
achten, niemandem widersprechen, blindlings sich fügen“, so
schilderte er selbst seine damalige Haltung während des Putschistenprozesses
im Jahr 1924.
Seine Außenseiterrolle wird von einer Äußerung eines Regimentskameraden
verdeutlicht, die Hitlers erster und zeitgenössischer Biograph Konrad
Heiden (siehe unten) zitiert: „Wir
alle schimpften auf ihn und fanden es unerträglich, dass wir einen weißen
Raben unter uns hatten.“
Am 15.
Oktober 1918, kurz vor Kriegsende, wurde Hitler nach einem Gasangriff
in das Lazarett
der vorpommerschen
Stadt Pasewalk
eingewiesen. Die vorübergehende Blindheit, wegen der er behandelt wurde,
führte er selbst auf eine Augenverletzung in Folge des Gasangriffs
zurück. Neuere Forschungen, die auf Krankenakten des Lazaretts beruhen,
lassen aber auch den Schluss zu, dass die Blindheit erst eine nachträglich
eingetretene, hysterische
Reaktion auf die Niederlage Deutschlands gewesen sein könnte. Hitler
wurde jedenfalls von einem Militärarzt für Psychiatrie
behandelt und von diesem als Psychopath
eingestuft, der zu Führungsaufgaben völlig ungeeignet sei.
Ähnlich hatte sich schon
während des Krieges Hitlers Kompanieführer geäußert, der von Heiden
mit dem Satz zitiert wird: „Diesen Hysteriker mache ich niemals zum
Unteroffizier!“ Es hatte also nicht nur mit Hitlers österreichischer
Staatsbürgerschaft zu tun, dass er – obwohl mehrfach verwundet und
mit dem Eisernen Kreuz beider Klassen sowie weiteren Ehrenzeichen versehen
– nie über den Status eines Gefreiten hinauskam. Dennoch nennt Sebastian
Haffner die Fronterfahrung Hitlers „einziges Bildungserlebnis“,
da er in seinem späteren Leben von militärischen Fragen durchaus etwas
verstanden habe.
Hitlers Aufstieg
Politische Anfänge
Hitler behauptete später,
die Empörung über den verlorenen Krieg und den „Verrat der Novemberverbrecher“
habe in ihm den Entschluss reifen lassen, Politiker zu werden. Auch dies
darf angezweifelt werden, angesichts der unklaren Haltung zu den
Zeitereignissen, die er in den ersten Monaten nach Kriegsende erkennen ließ.
Von politischen
Ambitionen Hitlers ist unmittelbar nach dem Krieg nichts festzustellen. Er
kehrte in die Kaserne seines Regiments nach München zurück und zeigte
zunächst nur das Bestreben, nicht entlassen zu werden. Er ließ sich
mehrfach zu einem der Vertrauensleute seines Regiments wählen und war
damit eine Art Verbindungsmann zur revolutionären Räteregierung
des sozialistischen
bayerischen
Ministerpräsidenten Kurt
Eisner.
In den Wirren nach dessen
Ermordung ergriff Hitler weder auf Seiten der Räterepublik Partei noch
– wie man angesichts seiner späteren Entwicklung hätte erwarten können
– auf Seiten ihrer Gegner, der zumeist „völkisch“ und
antidemokratisch gesinnten Freikorps.
Er scheint sich damals vorsichtig im Hintergrund gehalten zu haben. Ein
Foto aus dieser Zeit zeigt Hitler sogar im Trauerzug für den ermordeten
Eisner, der Jude gewesen war. Auch dies wird von einigen Historikern als
Hinweis darauf gewertet, dass Hitlers politische Anschauungen zu dieser
Zeit noch nicht so ausgeprägt gewesen sein können, wie er es sechs Jahre
später in „Mein Kampf“ darstellen sollte.
Nach der blutigen
Niederwerfung der Räterepublik ließ Hitler sich von der Münchener
Reichswehrverwaltung anwerben, die damals den entscheidenden Machtfaktor
in Bayern darstellte. Es gibt Hinweise darauf, dass er sich das Wohlwollen
der neuen Machthaber erkaufte, indem er Regimentskameraden verriet, die
sich auf Seiten der Räteregierung engagiert hatten. Die entscheidenden Männer
der so genannten schwarzen
Reichswehr – z.B. der Hauptmann Ernst
Röhm – scheinen in dem Gefreiten Hitler bald einen potenziellen
Agitator gesehen zu haben, mit dessen Hilfe sich nationalistische Ideen
unter Arbeitern verbreiten ließen. Seine Vorgesetzten schickten Hitler zu
Schulungen für Propaganda-Redner und beauftragten ihn damit, politische
Parteien und Zirkel zu bespitzeln, die im nachrevolutionären München wie
Pilze aus dem Boden schossen.
Dazu gehörte auch die
von dem Schlosser Anton
Drexler gegründete Deutsche
Arbeiterpartei (DAP), die fremdenfeindliche,
antisemitische und pseudo-sozialistische Ideen propagierte. Am 12.
September 1919
besuchte Hitler erstmals eine ihrer Versammlungen. Als dabei ein Redner
die Trennung Bayerns vom Reich forderte, widersprach Hitler ihm so
energisch wie wortreich und fiel durch sein Rednertalent auf. Erstmals
hatten er selbst und andere eine gewisse Begabung an ihm entdeckt: Er
konnte Zuhörer fesseln und Emotionen wecken. Drexler versuchte, ihn noch
am gleichen Abend anzuwerben. Im Auftrag seiner Vorgesetzten trat Hitler
am 19.
Oktober der DAP bei – als 55. Mitglied, nicht als siebentes, wie
er später stets behauptete. Seine Mitgliedsnummer 555 rührte daher, dass
die DAP mit der Zählung ab 501 begann, um etwas mehr Größe vorzutäuschen.
Zu dieser Zeit kam Hitler auch erstmals mit dem antisemitischen
Schriftsteller Dietrich
Eckart von der Thule-Gesellschaft
in Kontakt. Eckart war auf der Suche nach einem Agitator, der Arbeiter und
Angehörige der Unterschichten für rechtsradikale Ideen gewinnen sollte.
Als einer der ersten sah er in Hitler diesen Mann und förderte ihn
seither mit Rat und Tat. 1920
wurde er Herausgeber von Hitlers Parteiblatt „Völkischer Beobachter“.
Da Hitler mit seinen
aufputschenden Reden immer mehr Zuhörer und Mitglieder anlockte, wurde er
für die kleine DAP bald unentbehrlich. Zunächst war er dort als „Werbeobmann“
tätig und im Frühjahr 1920 an der Ausarbeitung des 25-Punkte-Programms
der DAP beteiligt, die sich auf sein Betreiben in „Nationalsozialistische
Deutsche Arbeiterpartei“ (NSDAP) umbenannte. Als er am 31.
März 1920 schließlich aus der Armee entlassen wurde, konnte er
bereits von seinen Honoraren als Redner leben. Als „Bierkelleragitator“
war er für die noch wenig beachtete NSDAP unersetzlich. Dies nutzte er
aus, als er im Juli 1921 die alte Parteiführung entmachtete und mit einem
Ultimatum seine Wahl zum Vorsitzenden der NSDAP erzwang. Hitler war nun
eine politische Lokalgröße, die aber außerhalb Bayerns eher Belustigung
als Furcht erregte.
Putsch und Inhaftierung
Bayern wurde seit der
Niederschlagung der Räterepublik
von dem nationalistisch und monarchistisch
gesinnten Generalstaatskommissar Gustav
Ritter von Kahr regiert, der keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen
die Demokratie
und die angebliche „rote Reichsregierung“ machte. Hitler und
der frühere Generalquartiermeister der Obersten Heeresleitung (OHL) Erich
Ludendorff, der inzwischen zu den Sympathisanten der NSDAP gehörte,
sahen in Kahr daher einen Verbündeten in ihrem Plan, nach dem Vorbild von
Mussolinis
„Marsch
auf Rom“ vom Oktober 1922
die Regierung in Berlin gewaltsam zu stürzen. Aufgrund der französischen
Ruhrbesetzung,
der enormen Inflation
und heftiger innerer Unruhen in Deutschland glaubte er, auch bei breiten
Bevölkerungsschichten Unterstützung zu finden.
Am Abend des 8.
November 1923
stürmten Hitler und einige Bewaffnete den Münchner Bürgerbräukeller,
in dem Kahr eine Rede hielt. Doch nur unter vorgehaltener Waffe ging
dieser zum Schein auf Hitlers Angebot ein. Am nächsten Morgen jagte die
Polizei den Marsch Hitlers und seiner Anhänger schon an der Feldherrnhalle
auseinander. Ludendorff wurde noch am 9.
November verhaftet, Hitler einige Tage später. Der Prozess gegen die Putschisten,
der am 26.
Februar 1924 begann, hätte nach Gesetzeslage mit langen Haftstrafen
und zumindest mit der Ausweisung Hitlers enden müssen, der damals noch
immer österreichischer Staatsbürger war. Aber wie in der Weimarer
Republik üblich, wurden die rechtsextremen Täter mit äußerster
Milde behandelt. Der Gerichtspräsident nahm es sogar hin, von Hitler
wegen seiner jüdischen Herkunft angegriffen zu werden. Ludendorff redete
seine Beteiligung an dem damals so genannten Bierkellerputsch möglichst
klein und erreichte einen Freispruch. Hitler, der wusste, wie wenig er
riskierte, ergriff die Chance, sich selbst als alleinigen Initiator des
ganzen Unternehmens darzustellen.
Er wurde zu einer äußerst
milden Strafe von fünf Jahren Festungshaft
verurteilt, aber schon wenige Monate später, am 20.
Dezember 1924, wieder freigelassen. Während seiner Haft
in Landsberg
am Lech diktierte Hitler seinem Sekretär Rudolf
Hess den ersten Teil seines Buches Mein Kampf. Eine Abrechnung,
in dem er offen seine politischen Ziele und die Ideologie des
Nationalsozialismus beschrieb. (Ursprünglich hatte das Buch Viereinhalb
Jahre des Kampfes gegen Lügen, Dummheit und Feigheit heißen sollen.)
Hitler war bis dahin österreichischer
Staatsbürger, bat aber in einem Schreiben vom 7. April 1925 um die
Entlassung aus dem Staatsdienst, die ihm gewährt wurde. Er bemühte sich
in der Folge um die deutsche Staatsbürgerschaft, die ihm allerdings erst
am 26. Februar 1932 zugestanden wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt war er
staatenlos.
Dank der
Berichterstattung über den Prozess wurde Hitler nun auch im Norden
Deutschlands als der radikalste aller ‚völkischen‘ Politiker
bekannt. Seine Stellung in der NSDAP war unumstrittener denn je, und in
der völkischen
Bewegung gewann seine Stimme erheblich an Gewicht. Hatte er sich bis
dahin eher als ‚Trommler‘ der Bewegung gesehen, der den Weg für
einen anderen ‚Retter Deutschlands‘ wie etwa Ludendorff frei
machen sollte, so sah er sich nun zunehmend selbst in der Rolle des großen
Führers. All das nützte ihm jedoch zunächst wenig. Zwar wurde die NSDAP
nach einem anfänglichen Verbot wieder zugelassen, aber die
wirtschaftlichen Verhältnisse in der Weimarer Republik stabilisierten
sich. Der bis 1929
anhaltende Aufschwung ließ radikalen Parteien in der Wählergunst vorerst
keine Chance.
Neubeginn und Aufstieg
der NSDAP
Nach seiner
Haftentlassung begann Hitler damit, die NSDAP unter seine alleinige
Kontrolle zu bringen. In Norddeutschland hatte sich unter Gregor
Strasser ein starker Parteiflügel gebildet, der Hitlers Anlehnung an
die alten, monarchistischen Machteliten nicht mittragen wollte und einen
sozialrevolutionären Kurs befürwortete. Hitler gelang es rasch, Strasser
und seine Anhänger entweder politisch kaltzustellen oder – wie im
Fall Joseph
Goebbels' – auf seine Seite zu ziehen.
Aus dem fehlgeschlagenen
Putsch hatte er den Schluss gezogen, dass es die Macht im Staat nicht auf
revolutionärem, sondern auf legalem Weg zu erobern galt. Ihm ging es
darum, die Demokratie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und zu
untergraben. Die NSDAP sollte in die Parlamente einziehen, aber ohne dort
konstruktiv mitzuarbeiten. Zudem sollte die SA mit spektakulären Aufmärschen,
Straßenschlachten und Krawallen die Blicke der Öffentlichkeit auf die
Partei und ihren Führer lenken und zugleich die Schwäche des
demokratischen Systems offenbaren. Für die späteren Wahlerfolge der
Partei waren nicht zuletzt ihre für die damaligen deutschen Verhältnisse
völlig neuen Methoden der Werbung und Massenbeeinflussung verantwortlich.
Eine erste Möglichkeit,
in ganz Deutschland propagandistisch tätig zu werden war das 1929 von
NSDAP und DNVP
gemeinsam initiierte Volksbegehren gegen den Young-Plan,
der eine abschließende Regelung der Reparationsfragen zwischen
Deutschland und seinen ehemaligen Kriegsgegnern vorsah. Das Volksbegehren
scheiterte zwar, aber Hitler und die NSDAP gewannen in den Reihen des
nationalistisch-konservativen Bürgertums erheblich an Zustimmung, was
sich bei den Landtagswahlen in Thüringen im Herbst 1929 erstmals in einem
deutlichen Zuwachs an Wählerstimmen auszahlte. Vor allem konnte Hitler
seither auf die publizistische Unterstützung durch das Presseimperium
des DNVP-Vorsitzenden Alfred
Hugenberg setzen. Dieser sah – wie zuvor Ludendorff und später Papen
– in Hitler und der NSDAP nur willige, lenkbare Instrumente, um den
deutschnationalen Kräften zu einer Massenbasis im Volk zu verhelfen.
Zum Durchbruch auf
nationaler Ebene verhalf Hitler aber erst die Weltwirtschaftskrise,
die Ende 1929 ausbrach und Deutschland besonders hart traf. Über die
Finanzkrise des Reichs brach am 27.
März 1930 die Weimarer
Koalition auseinander. Hermann
Müller (SPD), dem letzten Kanzler, der noch über eine demokratisch
gesinnte Reichstagsmehrheit verfügte, folgte das erste Präsidialkabinett
des Zentrums-Abgeordneten
Heinrich
Brüning, das sich allein auf das Vertrauen des Reichspräsidenten Hindenburg
stützen konnte. Bei den Neuwahlen am 14.
September steigerte die NSDAP ihren Wähleranteil mit einem Schlag von
2,6 auf 18,3 Prozent. Statt mit 12 Abgeordneten, wie bis dahin, zog sie
nun mit 107 in den Reichstag ein. Die staatstragenden, demokratischen
Parteien der Mitte hatten keine Mehrheit mehr und Hitler war endgültig zu
einem Machtfaktor in der deutschen Politik geworden.
Hitlers Weg zur
Kanzlerschaft
Zu Hilfe kamen ihm
Spenden und logistische Hilfen von Junkern,
Kaisertreuen, Wirtschaftsführern und Militärs (zum Beispiel aus
Freikorps) aus dem Deutschen Reich und auch aus den USA,
sowie die Wirtschaftskrise,
die die Situation in der politisch wenig gefestigten Weimarer Republik
weiter destabilisieren half. Zwischen 1925
- als Hitler auf eigenen Wunsch aus der österreichischen Staatsbürgerschaft
entlassen worden war (siehe: Quelle:
NS-Archiv)- und 1932
war er staatenlos. Erst die Anstellung als Regierungsrat beim
Landeskultur- und Vermessungsamt des Freistaates
Braunschweig mit sofortiger Abordnung an die Braunschweigische
Gesandtschaft beim Reichsrat
in Berlin, verschaffte ihm Ende Februar 1932 die deutsche Staatsangehörigkeit
und somit die formale Voraussetzung zur Kandidatur bei der Reichspräsidentenwahl
im selben Jahr. Nachdem die NSDAP bei den Reichstagswahlen 1932 stärkste
Partei wurde, ernannte Reichspräsident
Paul von Hindenburg ihn am 30.
Januar 1933 zum Reichskanzler. Die „Kamarilla“
um Paul von Hindenburg trieb zur Unterstützung einer nationalistisch
ausgerichteten Regierung die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler voran.
Unterstützung erfuhr Hitler weiterhin durch die Großindustrie und Banken,
die aus Angst vor einem Staatssozialismus die von Hitler beabsichtigte
vollständige Ausschaltung der „bolschewistischen Gefahr“
ebenso begrüßten wie die ihnen von Hitler in Aussicht gestellten
Staatsaufträge im Rahmen der Aufrüstung. Die Befürwortung seiner
Ernennung zum Reichskanzler durch die nationalkonservativen Kreise um
Franz von Papen sicherte sich Adolf Hitler, indem Papen zum Vizekanzler
mit dem Recht, bei allen Vorträgen des Kanzlers beim Reichspräsidenten
zugegen zu sein, ernannt wurde und die klassischen Ministerien von
Konservativen besetzt wurden. Papen glaubte, Hitler dadurch 'einrahmen' zu
können. Das Militär
hoffte durch den Reichskanzler Hitler auf den nationalen Aufstieg, eine
„Beseitigung“ des Versailler
Vertrags und eine Aufrüstung beziehungsweise Aufstockung der Armee.
Nationalkonservative aus Wirtschaft und Politik wollten durch Hitler eine
Stabilisierung der Regierung und auch eine Neuorientierung der politischen
Kultur in Richtung Monarchie.
Erich Ludendorff, der
1923 noch Hitlers Putschversuch unterstützt hatte, schrieb Ende Januar
1933 an Reichspräsident von Hindenburg: „Sie haben (…)
unser heiliges deutsches Vaterland einem der größten Demagogen aller
Zeiten ausgeliefert. Ich prophezeie Ihnen feierlich, dass dieser unselige
Mann unser Reich in den Abgrund stürzen und unsere Nation in unfassbares
Elend bringen wird. Kommende Geschlechter werden Sie wegen dieser Handlung
in Ihrem Grabe verfluchen.